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Nachrichten

5./6.3.2020

Frühjahrstagung des Arbeitskreises Evaluation von Entwicklungspolitik und Humanitärer Hilfe, abgekürzt als "AK Epol HuHi" (ernsthaft!). Zwei Tage lang wird das Thema „Monitoring“ diskutiert, also die Frage, wie Entwicklungsvorhaben feststellen, welchen Fortschritt sie machen. Es ist Vieles zu hören, was einem alten Hasen bekannt vorkommt, also die alte Malaise: Dass in vielen Fällen die Daten nicht sonderlich verlässlich sind, dass Wichtiges nicht erfasst wird, dass oft nur Zahlen erfasst werden und nicht die Veränderung der Qualität, dass die Ergebnisse kaum genutzt werden – außer um sich den Geldgebern gegenüber zu rechtfertigen. Die Rückkopplung von Informationen an die Zielgruppen wird zwar allseits für wichtig gehalten, geschieht aber kaum. Zur Misere gehört auch, dass die deutschen Finanziers oft nicht sehen, dass die Partner oft Vieles wissen, was in den Monitoringsystemen allerdings nicht auftaucht. Und irgendwie scheint die Situation nicht lösbar, wenn man zuhört. Aber das scheint nur so, weil Fragen von Macht und Kultur nicht berücksichtigt werden; denn diese Monitoring-Ansätze drücken einen abendländischen Rationalismus (Max Weber), in andere Kulturen, die das, oft zurecht, nicht aufnehmen können oder wollen.

Es waren auch ein paar gute Lösungen zu hören:

  • Organisationen brauchen Systeme des Wissensmanagements, und in die müssen sich Monitoring-Systeme für Projekte einfügen. In der Entwicklungszusammenarbeit darf es nicht, wie es so häufig geschieht, zu parallelen Systemen kommen (siehe dazu den Artikel von Eberhard Gohl und mir von 2015). Das Interesse der Organisation muss Vorrang haben.
  • Das Monitoring von Projekten muss auf den ohnehin vorhandenen Daten und dem Informationsbedarf aufbauen. Es muss Spaß machen und direkt sichtbaren Nutzen bringen. Langfristige Ziele ("Wirkungen") motivieren nicht. Digitale Verfahren können dabei helfen. Wenn man so eine App in der Hand hat, das mache Spaß (aber es war nicht klar, wie lange diese Motivation anhält).
  • Eine Organisation macht nicht nur Monitoring-Pläne in den üblichen Tabellen, sondern erstellt zusätzlich Flussdiagramme: Wer beobachtet was, wann, was ist wenn... Das funktioniere viel besser. Warum? Ich vermute es ist wie beim Wirkungsgefüge, das besser als die Wirkungskette verstanden wird: Es ist näher an einem Abbild der Maßnahmen und weniger abendländisch abstrakt - vorausgesetzt, die Leute haben es selbst erstellt. Und was ist, wenn das Personal wechselt - überzeugt das Flussdiagramm dann immer noch? Die Frage wurde mir gestellt, und ich habe noch keine Antwort.
  • Mit möglichst wenig Daten möglichst viel machen, Synergien schaffen. Monitoring müsse effizient sein. Auch das brauche allerdings Ressourcen, und es dauere Jahre, bis es sich durchsetze. Auch in Deutschland ist das alles nicht einfach.
  • Vieles ist IT-gestützt, darauf wurde immer wieder eingegangen. Dass wir mit Methoden des Participatory Rural Appraisal (Visualisierung in Gruppendiskussionen) viele der beschriebenen Probleme beheben können: Relevanz, direktes Feedback, unmittelbarer Beitrag zur Steuerung, Validierung der Informationen - das wurde nirgends genannt. Was da an Potential verloren geht!

Aus der Tagung gehe ich heraus mit der Erkenntnis: Es reicht beim Monitoring nicht, Kleinigkeiten zu verbessern. Es kommt auf an, eine stärker angepasste Herangehensweise zu entwickeln.

Grüße zum Jahreswechsel 2017/18

20.12.2017

Liebe Familie, liebe Freundinnen und Freunde, Kolleginnen und Kollegen,

Ende 1989 erhielt ich von der simbabwischen Botschaft in Bonn eine Karte mit „season‘s greetings“. Ich war verdutzt. Keine „Fröhliche Weihnachten“? Kein „Gutes Neues Jahr“? Dann wurde mir klar: Diplomaten haben mit vielen Ländern zu tun, in denen andere Festtage wichtig sind. Und einige von denen waren starke Unterstützer Simbabwes im Befreiungskampf. Mit „season’s greetings“ gab man jedem die Möglichkeit, die Zeit „zwischen den Jahren“ in seinem Sinne zu interpretieren.

In meinem Leben habe ich viele Situationen erlebt, in denen ich mein christlich und westlich geprägtes Weltverständnis in Frage stellen konnte. Besonders einschneidend war dieses Jahr die Lektüre von Pankaj Mishras Buch: Aus den Ruinen des Empires. Mishra steigt ein mit der Seeschlacht bei Tsushima im Mai 1905, als zum ersten Mal seit Jahrhunderten wieder eine östliche Macht (Japan) eine europäische Macht (Russland) besiegte. Auch wenn wir heute Ost und West anders abgrenzen – dieser Sieg fand bei asiatischen Intellektuellen große Aufmerksamkeit. Japan wurde zu einem Zentrum asiatischer Opposition. Auch in anderen Teilen Asiens suchten sie Wege, der Dominanz des Westens zu begegnen. Mishra beschreibt in seinem Buch drei Jahrhunderte westlicher Unterdrückung Asiens und zwei Jahrhunderte asiatischen Widerstands von der Türkei bis Japan – einschließlich der Ursprünge des Islamismus, chinesischer, türkischer und indischer Selbstbehauptung. Mishras Buch hat mir die Augen für Vieles geöffnet, das mir bis dahin gänzlich unbekannt war.

Als Konsequenz aus dem Buch versuche ich, noch intensiver den Blick zu weiten, andere Perspektiven wahrzunehmen. Eine zweite Konsequenz ist, im eigenen Arbeitsfeld deutlicher anzusehen, wo westliche Dominanz fortgesetzt wird. Ein wichtiges Thema meiner Arbeit ist das, was „Wirkungsorientierung“ genannt wird, zweifellos mit guter Intention begonnen, doch oft zu einer Fixierung auf Kennwerte („Indikatoren“) verkommen. Diese Art der Wirkungsorientierung ist zutiefst westlich geprägt: Wie Indikatoren und Wirkung in anderen Kulturen gesehen werden, und was dort wichtig wäre, scheint in der Realität der Entwicklungsarbeit weitgehend aus dem Blick geraten zu sein. Den entstandenen Schaden genauer anzusehen, habe ich mir zur Aufgabe gemacht.

Doch zunächst bedanke ich mich bei allen, mit denen ich dieses Jahr auf die eine oder andere Weise zusammenarbeiten, diskutieren und Dinge in neuem Licht sehen konnte. Ich wünsche uns allen den Frieden, der mit Weihnachten in meiner Tradition verbunden ist, und die Chance auf eine Neuorientierung, die mit dem Jahresanfang einhergeht. In diesem Sinne: Fröhliche Weihnachten und ein gutes neues Jahr!

Grüße zum Jahreswechsel 2016/17

29.12.2016

Liebe Freundinnen und Freunde, liebe Kolleginnen und Kollegen,

zum Jahresende möchte ich eines der vielen interessanten, bewegenden und bereichernden Erlebnisse erzählen, von denen ich dieses Jahr bei meinen Reisen wieder viele hatte.

2015 habe ich eine Organisation in Indien evaluiert, die sich für die Rechte von Dalits (ehemals „Unberührbare“ oder Kastenlose genannt) einsetzt. Sie engagiert sich mit gutem Grund. Dalits werden schwer diskriminiert, auch wenn sich viel gebessert hat. Ihnen werden weiter Rechte auf Bildung, guten Lohn und manchmal sogar auf die Benutzung des Tempels oder in diesem Fall der Kirche verwehrt. Bei diesem Kampf um Rechte kommt es manchmal zu gewaltsamen Konflikten, vor allem, wenn er spontan geschieht und nicht von einer kompetenten Organisation begleitet wird.

Ich traf Dalit-Frauen, deren Siedlung vor Jahren von Angehörigen einer privilegierten Kaste angegriffen worden war, weil Dalits dieser Siedlung sich manche Diskriminierungen nicht mehr gefallen ließen. Zum Beispiel hatten manche angefangen, mit Schuhen auf der Dorfstraße zu gehen – was ihnen nicht gestattet war. Sie hatten barfuß zu gehen. Es wurde ein heftiger Überfall. Aus Angst vor weiteren Angriffen, die zum Glück nicht kamen, hatten die Frauen lange auf den Dächern Wache gehalten. Ich sah in ihren Augen die Angst, die durchs Erzählen wieder geweckt wurde. Diese Frauen schienen mir traumatisiert. Weil ich solche Erzählungen von massiver Gewalt in meiner Zeit in Südafrika viel gehört hatte, erkenne ich diesen Schrecken leicht. Überhaupt waren meine Erfahrungen mit der Apartheid in Südafrika häufig Thema in den Gesprächen am Rande dieser Evaluierung.

Ein Thema der Evaluierung wurde daher, dass die Organisation sich zwar für die Rechte der Dalits einsetzt, aber sich nicht um die Traumatisierung kümmerte. Ich empfahl also, dass sie sich auch um die Heilung der Beziehungen und der Traumata kümmern sollten, was gerade einer kirchlichen Organisation angemessen scheint.

Ich merkte schon damals, dass das Thema auf Interesse stieß. Vor wenigen Wochen konnte ich die Organisation wieder besuchen. Die Mitarbeiter erzählten, dass sie diese Empfehlung intensiv umgesetzt hatten. Ein Stück weit hatten sie die Orientierung ihrer Arbeit verändert. Unter dem Begriff Heilung und "do no harm" versuchen sie, sich weniger konfrontativ für Rechte einzusetzen und mehr gemeinsame Lösungen zu finden. Oft sei das schwierig, aber es gebe auch einige deutliche Erfolge, gerade innerhalb der Kirchen. Insgesamt sehen sie sich gestärkt.

Selten höre ich von den Wirkungen meiner Evaluierungen. Umso mehr freut es mich, wenn etwas so gute Früchte trägt. So etwas können wir Beraterinnen und Berater aus den reichen Ländern beitragen: Eine neue Sicht auf die Dinge, wenn wir uns intensiv auf die Realität der Partner einlassen und gleichzeitig Erfahrungen und Theorien von außen einbringen: Nähe und Distanz kombinieren, das ist die Herausforderung.

Zum Schluss sende ich einen herzlichen Dank an alle, mit denen ich dieses Jahr etwas zusammen tun konnte, und herzlichen Dank für die vielen Weihnachtsgrüße.

Mit den besten Wünschen zum neuen Jahr

Grüße zum Jahreswechsel 2014/15

17.12.2014

Liebe Freundinnen und Freunde, liebe Kolleginnen und Kollegen,

das vergangene Jahr brachte wieder vielfältige Aufgaben und Erlebnisse. Von der Beschäftigung mit der Ausbildung und Wirkung von Entwicklungshelferinnen und -helfern, über die Arbeit von Katechet/innen und das Nachhaltigkeitsprogramm einer deutschen Gemeinde bis zur Metrologie in der Chemie (wie muss ein Land aufgestellt sein, damit die Messung des CO2-Gehalts in der Atmosphäre international vergleichbar wird?) gab es viel Interessantes und Bewegendes.

Doch das für mich Bedeutendste geschah dieses Jahr bei NGO-IDEAs, einem Zusammenschluss deutscher Hilfswerke mit ihren Partnern in Entwicklungsländern. Eberhard Gohl und ich hatten sie vor einigen Jahren bei der Entwicklung von Instrumenten unterstützt. Ursprünglich ging es darum, die Wirkung von Entwicklungsmaßnahmen besser zu messen.

Das taten wir, indem wir Benachteiligte und Arme, die sich in Gruppen engagieren, befähigten, dass sie sich selbst konkrete Ziele setzen und die Zielerreichung messen. Der Ansatz hatte einen erfreulichen Nebeneffekt – was im Management schon lange bekannt ist, zeigte sich auch hier: ernst gemeinte Ziele mobilisieren Kräfte. Die Leute verbessern ihre Situation deutlich schneller als in normalen Projekten. Zugleich werden sie solidarischer miteinander (was im Management oft leider nicht passiert). Ich sehe da viel Potential, die Armutsbekämpfung wirksamer zu machen – auch in Deutschland.

Spektakulär war dieses Jahr die Erkenntnis, wie schnell sich diese Instrumente ausbreiten. Mitte 2011 hatten wir mit etwa 30 Partnern in Afrika und Asien gearbeitet und etwa 10.000 Menschen erreicht. Drei Jahre später sind es 96 Südpartner, die in mehr als 2.000 Gruppen bei mehr als 50.000 Mitgliedern diese Instrumente eingeführt haben, und gerade beginnt eine Ausweitung nach Süd- und Mittelamerika. Für mich ist das ein besonderes Beispiel dafür, wie wirksam Entwicklung sein kann, wenn es uns gelingt, den wirklichen Bedarf zu treffen und die Betroffenen zu aktivieren.

Ich war kaum an dieser Ausbreitung beteiligt, aber ein Kollege aus Kenia, den ich in NGO-IDEAs eingeführt hatte, hatte großen Anteil daran, und einzelne deutsche Hilfswerke haben sich sehr engagiert. So stelle ich mir Beratung vor: Wir tragen für einige Zeit etwas bei und befähigen dabei Andere, das weiterzuführen und sich zu eigen zu machen. Wir machen uns überflüssig und brauchen dann die Chance, uns neuen Herausforderungen zu stellen. Ich habe den Eindruck, dass wir Berater aus dem Norden in meinem Hauptfeld, der Entwicklungszusammenarbeit, besondere Chancen haben, solche neuen Impulse zu setzen.